Scrum in Zeiten des Corona Lockdowns

 

Wie haben wir in Zeiten des Corona Lockdowns als Schulungs- und Software Entwicklungsunternehmen unsere Scrum Workshops und Scrum Projekte abgewickelt? Davon soll dieser Blog Beitrag berichten.

Die Umsetzung der Scrum Methodik zu Corona Zeiten, hat uns als Beratungs- und Softwareentwicklungs-Unternehmen auf unterschiedliche Art und Weise beschäftigt. Auf der einen Seite haben wir Scrum Schulungen und Workshops für Kunden abgehalten, die natürlich in den Zeiten des Lockdowns als Remote Workshops abgehalten werden mussten, auf der anderen Seite mussten unsere Software-Entwicklungsprojekte für Kunden weitergeführt werden.

Die geringere Herausforderung war die Weiterführung der Entwicklungsprojekte. Als Unternehmen mit Niederlassungen in Deutschland, Österreich und der Slowakei sind wir seit Jahren auf die Projektabwicklung mit verteilten Teams spezialisiert und verwenden ausschließlich Arbeitsmittel und Tools, die mit der Arbeit in Remote Teams verträglich sind.

Außerdem haben wir die Möglichkeit des Home-Office von Anbeginn praktiziert, daher verfügen alle Mitarbeiter über Notebook, Headset sowie eine über 2 Faktor Authentifizierung abgesicherte VPN Verbindung in das Firmennetzwerk. So weit, so gut. Wie aber wickeln wir die Scrum Meetings ab?

Als langjähriger Kunde der Firma Jetbrains setzen wir Youtrack als Issue Tracking Tool ein. Youtrack hat eine exzellente Scrum Board Implementierung, die wir nutzen.

 

Scrum Board

Abbildung 1 Youtrack Scrum Board des Jetbrains dotTrace Projektes

 

Youtrack nutzt moderne Techniken für Server Push, sodass Änderungen am Board in Echtzeit allen Betrachtern des Boards reflektiert werden. Entgegen den Empfehlungen der meisten Scrum Coaches, Scrum Boards als physikalisches Board einzusetzen, setzen wir seit jeher auf elektronische Boards. Die wesentlichen Argumente für elektronische Boards sind aus unserer Sicht:

  1. Eignung für verteilte Teams
  2. Möglichkeit der Archivierung inklusive Volltextsuche
  3. Integration der Zeiterfassung
  4. Zugriff auf den elektronischen Backlog
  5. Automatische Berechnung von Burn-Down-Charts
  6. Integration mit Build-Server (JetBrains Teamcity), Entwicklungsumgebung (IntelliJ IDEA) und Code Review Tool (JetBrains Upsource)

 

Für die Abhaltung von Meetings nutzen wir zusätzlich Skype und Zoom, je nach Bedarf.

Was mussten wir also tun, um unsere Arbeitsweise dem Lockdown anzupassen? Nichts. Wir verwendeten alle Tools in gewohnter Weise.

Wie kann man nun aber Scrum Schulungen und Workshops für Kunden abhalten, in denen den Teilnehmern die Grundprinzipien von Scrum in einer interaktiven Weise vermittelt werden sollen?

Erster Schritt, die Video Conferencing Software: Hier haben wir auf Zoom gesetzt. Die Funktionalität von Zoom in Zusammenhang mit wirklich zuverlässiger und performanter Streaming Technologie ist überragend und nach unserer Erfahrung der Konkurrenz um einiges voraus.

Wichtig bei Scrum Workshops ist es, mittels interaktiver Übungen, die Grundideen der agilen Software-Projektabwicklung zu vermitteln. Üblicherweise machen wir das in unseren Workshops mit Lego. Die Teilnehmer bekommen die Aufgabe, eine Lego Gebäudelandschaft nach Scrum Methodik zu entwerfen und zu bauen. Dabei werden Sie von einem Coach begleitet und können jene Arbeitsweisen erlernen, die sie dann in den realen Projekten nutzen können.

Abbildung 2 Definition eines Storypoints in Lego Projekten

Wie sollten wir diese wirklich gut funktionierende Übung in einer Remote Schulung umsetzen? Wir wurden bei unseren Kindern fündig. Kinder und Teenager verwenden oftmals Online Spiele als Möglichkeit, mit ihren Freunden gemeinsam Abenteuer zu erleben, gegen Zombies zu kämpfen und Dinge zu erschaffen. Gibt es da nicht Spiele, die Lego in irgendeiner Art ähneln?

Ja klar – Minecraft. Ein Spiel, das schon länger auf dem Markt ist und somit von den meisten Entwicklern in der Jugend oder gemeinsam mit dem Nachwuchs schon gespielt wurde, aber noch immer ausreichend hip, um IT-Leute, die ständig das Neueste haben wollen, zu begeistern.

Was war also zu tun:

  • Kauf der entsprechenden Minecraft Lizenzen – mit € 24 sogar deutlich günstiger als Lego
  • Einrichtung eines Realms, in dem Spieler gemeinsam Welten und Gebäude erschaffen können
  • Erstellung einer Kurzeinführung in den Minecraft Creative Modus (wichtig, damit die Teilnehmer nicht auch noch um das Überleben von Steve kämpfen müssen, wobei auch hier Parallelen zur Wirklichkeit feststellbar wären)
  • Einrichten einer Starter Welt in der die landschaftlichen Gegebenheiten an die Aufgabenstellung angepasst sind

Voilà, das war es. Und die Teilnehmer waren begeistert.

Der Umstand, dass einige Teilnehmer geübte Minecraft Profis waren, andere aber zunächst erste Skills aufbauen mussten, entsprach durchaus den Gegebenheiten in realen Projekten.  Die Vision, was das Team alles erreichen möchte, die fantastischen Welten von denen man als Minecrafter träumt, all das manifestierte sich im Backlog. Die Teilnehmer hatten wenig Erfahrung, was die erfolgreiche Kooperation in Minecraft angeht, sie mussten den Prozess in etlichen Iterationen selbst verfeinern, wozu sie die Retrospektiven zwischen den ultra-kurzen Sprints nutzten. Aus der geplanten Imbissbude wurde ein mehrstöckiges Erlebnisrestaurant inklusive Parkanlage und Spielplatz.

Frank Bieser, der das erste Online Scrum Training bei uns gegeben hat, zu seinen Erfahrungen mit Minecraft als Schulungswerkzeug:

„Die Entscheidung, Minecraft als Werkzeug für einen kreativen Prozess in der Scrum-Schulung zu nutzen, war goldrichtig. Die Teilnehmer waren mit Eifer bei der Sache, zeigten Verhaltensweisen, die auch im Präsenzworkshop zu beobachten sind, und haben ein wahrhaft agiles Mindset an den Tag gelegt. Für uns ist diese Tool- und Methodenkombination jetzt fester Bestandteil des Schulungsportfolios.“.

 

Abbildung 3 Errichtung einer „Imbissbude“ in Minecraft unter Verwendung von agilen Methoden

 

Mein persönliches Resümee: Ist das Bauen von Lego Welten schon ein gutes Vehikel, um die Grundideen von Scrum zu vermitteln und die Arbeitsweisen einzuüben, so muss man sagen, dass Minecraft das Potenzial dazu hat, noch viel stärker zu begeistern und zu motivieren.

Gibt es Nachteile, wenn die Teilnehmer und Entwickler nichts anzufassen haben, die Bau- Welt nicht erspüren und im wahrsten Sinne des Wortes begreifen? Kein Scrum Board zu haben, bei dem Work Items mit Stecknadeln an die Pinwand geheftet werden?

Mag sein. Wenn das aber für uns so wichtig wäre, dann hätten wir wahrscheinlich den falschen Beruf gewählt, denn schließlich produzieren wir Software, ein virtuelles Produkt.

 

Michael Schaffler-Glößl

08.06.2020

CIIT